In der tiergestützten Intervention (TGI) treffen zwei komplexe Systeme aufeinander: Mensch und Tier. Beide handeln nicht zufällig, sondern orientieren sich daran, was sich im Moment am meisten lohnt. Um dieses Zusammenspiel zu verstehen, kann ein psychologisches Modell hilfreich sein: das Matching Law (Herrnstein, 1961). In Verbindung mit einer bedürfnisorientierten Haltung eröffnet es neue Perspektiven für die Gestaltung tiergestützter Angebote – jenseits von Druck, Erwartung und Defizitorientierung.
Was bedeutet Matching Law?
Das Matching Law beschreibt das Verhältnis zwischen Verhalten und Verstärkung:
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Organismen verteilen ihr Verhalten auf jene Optionen, die die stärkste und häufigste Belohnung versprechen.
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Verhalten „matcht“ also die relative Attraktivität von Alternativen.
Einfach gesagt: Verhalten tritt dort am häufigsten auf, wo es sich am meisten lohnt.
Übertragung auf die TGI
In der tiergestützten Arbeit wirken Verstärker auf mehreren Ebenen gleichzeitig:
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Tier – Klient*in
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Das Tier kann durch Nähe, Blickkontakt, Wärme oder gemeinsames Spiel unmittelbar verstärken.
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Der Mensch wählt jene Interaktion, die im Moment am meisten Sicherheit oder Freude bringt.
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Klient*in – Setting
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Menschen reagieren stärker auf Aktivitäten, die sie regulieren und ihnen Selbstwirksamkeit ermöglichen.
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Das Verhalten, das für sie den größten Wert hat, wird häufiger auftreten.
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Tier – Fachkraft
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Auch das Tier orientiert sich an Verstärkung: Es sucht Nähe, wenn diese angenehm ist, oder Distanz, wenn dies lohnender ist.
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Das bedeutet: Wahlmöglichkeiten für das Tier sind nicht nur ethisch, sondern auch trainingsrelevant.
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Bedürfnisorientierte Begleitung als Haltung
Das Matching Law erklärt, warum Verhalten auftritt. Doch die entscheidende Frage ist: Wie
gestalten wir die Rahmenbedingungen?
Hier kommt die bedürfnisorientierte Haltung ins Spiel:
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Respekt vor Wahlmöglichkeiten: Sowohl Mensch als auch Tier dürfen nein sagen.
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Verstärkung sichtbar machen: Wir achten darauf, welche Interaktion subjektiv belohnend wirkt – auch wenn sie nicht dem entspricht, was „klassisch“ erwartet würde.
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Rahmenbedingungen gestalten: Wir sorgen dafür, dass regulierendes, beziehungsförderndes Verhalten stärker belohnt wird als belastende Muster.
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Neuroaffirmativ arbeiten: Besonders bei neurodivergenten Klient*innen verstehen wir Verhalten nicht als Widerstand, sondern als sinnvolle Wahl im Kontext ihrer Regulation.
Konsequenzen für das Trainingskonzept
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Verhalten verstehen, nicht bewerten: Jedes Verhalten ergibt Sinn, wenn man Verstärkungslogiken berücksichtigt.
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Settings vielfältig gestalten: Unterschiedliche Zugänge (Beobachten, Berühren, Bewegen) ermöglichen, dass jede Person ihren passenden Verstärkerweg findet.
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Tierwohl sichern: Das Tier „matched“ ebenfalls – es braucht Wahlmöglichkeiten, Rückzug und positive Erfahrungen, damit Interaktion attraktiv bleibt.
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Balance schaffen: Nicht nur kurzfristige, sondern langfristig gesunde Verstärkungsmuster fördern – für Mensch und Tier gleichermaßen.
Fazit
Das Matching Law zeigt uns, dass Verhalten immer Ausdruck von Verstärkung ist. In der bedürfnisorientierten tiergestützten Intervention bedeutet das: Wir gestalten unsere Angebote so, dass regulierende, sichere und beziehungsstärkende Interaktionen die lohnendsten Optionen sind. Damit entstehen Entwicklung und Lernen nicht durch Zwang, sondern durch Wahlfreiheit, Sinnhaftigkeit und positive Erfahrung – für Menschen wie für Tiere.
📚 Literaturhinweise
Grundlagen Matching Law
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Herrnstein, R. J. (1961). Relative and absolute strength of response as a function of frequency of reinforcement. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 4(3), 267–272.
👉 Ursprungspublikation zum Matching Law. -
Herrnstein, R. J. (1970). On the law of effect. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 13(2), 243–266.
👉 Weiterentwicklung der Theorie, wichtig für das Verständnis von Verstärkung und Wahlverhalten. -
Davison, M., & McCarthy, D. (1988). The Matching Law: A Research Review. Hillsdale, NJ: Lawrence Erlbaum Associates.
👉 Klassiker: systematische Übersicht über Forschung und Anwendungen.
Neuere Perspektiven & Pädagogik
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Pierce, W. D., & Cheney, C. D. (2017). Behavior Analysis and Learning (6th ed.). New York: Routledge.
👉 Lehrbuch, das Matching Law in einem breiteren Lern- und Trainingskontext erklärt. -
Critchfield, T. S., & Kollins, S. H. (2001). Temporal discounting: basic research and the analysis of socially important behavior. Journal of Applied Behavior Analysis, 34(1), 101–122.
👉 Verdeutlicht, wie Matching Law und Wahlverhalten auf soziale Kontexte übertragbar sind (z. B. Bildung, Therapie).
Bezug zu TGI, Tiertraining & Neurodivergenz
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McGreevy, P., & Boakes, R. A. (2011). Carrots and Sticks: Principles of Animal Training. Cambridge: Cambridge University Press.
👉 Bringt behavioristische Grundlagen wie Matching Law in den Tiertrainingskontext. -
Granger, B. P., & Kogan, L. R. (2006). Animal-assisted interventions in mental health: Definitions and theoretical foundations. In A. Fine (Ed.), Handbook on Animal-Assisted Therapy (pp. 199–216). San Diego: Academic Press.
👉 Theoriegrundlagen, in die das Matching Law gut eingebettet werden kann. -
Attwood, T., & Garnett, M. S. (2022). Exploring Neurodiversity Through the Lenses of Strength, Interest and Regulation. Brisbane: Minds & Hearts.
👉 Neuroaffirmative Perspektive, die gut mit Matching Law verbunden werden kann (Verhalten als sinnvolle Wahl zur Regulation).