Matching Law und bedürfnisorientierte Begleitung in der tiergestützten Intervention

In der tiergestützten Intervention (TGI) treffen zwei komplexe Systeme aufeinander: Mensch und Tier. Beide handeln nicht zufällig, sondern orientieren sich daran, was sich im Moment am meisten lohnt. Um dieses Zusammenspiel zu verstehen, kann ein psychologisches Modell hilfreich sein: das Matching Law (Herrnstein, 1961). In Verbindung mit einer bedürfnisorientierten Haltung eröffnet es neue Perspektiven für die Gestaltung tiergestützter Angebote – jenseits von Druck, Erwartung und Defizitorientierung.


Was bedeutet Matching Law?

Das Matching Law beschreibt das Verhältnis zwischen Verhalten und Verstärkung:

  • Organismen verteilen ihr Verhalten auf jene Optionen, die die stärkste und häufigste Belohnung versprechen.

  • Verhalten „matcht“ also die relative Attraktivität von Alternativen.

Einfach gesagt: Verhalten tritt dort am häufigsten auf, wo es sich am meisten lohnt.


Übertragung auf die TGI

In der tiergestützten Arbeit wirken Verstärker auf mehreren Ebenen gleichzeitig:

  1. Tier – Klient*in

    • Das Tier kann durch Nähe, Blickkontakt, Wärme oder gemeinsames Spiel unmittelbar verstärken.

    • Der Mensch wählt jene Interaktion, die im Moment am meisten Sicherheit oder Freude bringt.

  2. Klient*in – Setting

    • Menschen reagieren stärker auf Aktivitäten, die sie regulieren und ihnen Selbstwirksamkeit ermöglichen.

    • Das Verhalten, das für sie den größten Wert hat, wird häufiger auftreten.

  3. Tier – Fachkraft

    • Auch das Tier orientiert sich an Verstärkung: Es sucht Nähe, wenn diese angenehm ist, oder Distanz, wenn dies lohnender ist.

    • Das bedeutet: Wahlmöglichkeiten für das Tier sind nicht nur ethisch, sondern auch trainingsrelevant.


Bedürfnisorientierte Begleitung als Haltung

Das Matching Law erklärt, warum Verhalten auftritt. Doch die entscheidende Frage ist: Wie gestalten wir die Rahmenbedingungen?
Hier kommt die bedürfnisorientierte Haltung ins Spiel:

  • Respekt vor Wahlmöglichkeiten: Sowohl Mensch als auch Tier dürfen nein sagen.

  • Verstärkung sichtbar machen: Wir achten darauf, welche Interaktion subjektiv belohnend wirkt – auch wenn sie nicht dem entspricht, was „klassisch“ erwartet würde.

  • Rahmenbedingungen gestalten: Wir sorgen dafür, dass regulierendes, beziehungsförderndes Verhalten stärker belohnt wird als belastende Muster.

  • Neuroaffirmativ arbeiten: Besonders bei neurodivergenten Klient*innen verstehen wir Verhalten nicht als Widerstand, sondern als sinnvolle Wahl im Kontext ihrer Regulation.


Konsequenzen für das Trainingskonzept

  • Verhalten verstehen, nicht bewerten: Jedes Verhalten ergibt Sinn, wenn man Verstärkungslogiken berücksichtigt.

  • Settings vielfältig gestalten: Unterschiedliche Zugänge (Beobachten, Berühren, Bewegen) ermöglichen, dass jede Person ihren passenden Verstärkerweg findet.

  • Tierwohl sichern: Das Tier „matched“ ebenfalls – es braucht Wahlmöglichkeiten, Rückzug und positive Erfahrungen, damit Interaktion attraktiv bleibt.

  • Balance schaffen: Nicht nur kurzfristige, sondern langfristig gesunde Verstärkungsmuster fördern – für Mensch und Tier gleichermaßen.


Fazit

Das Matching Law zeigt uns, dass Verhalten immer Ausdruck von Verstärkung ist. In der bedürfnisorientierten tiergestützten Intervention bedeutet das: Wir gestalten unsere Angebote so, dass regulierende, sichere und beziehungsstärkende Interaktionen die lohnendsten Optionen sind. Damit entstehen Entwicklung und Lernen nicht durch Zwang, sondern durch Wahlfreiheit, Sinnhaftigkeit und positive Erfahrung – für Menschen wie für Tiere.

 

 

📚 Literaturhinweise

Grundlagen Matching Law

  • Herrnstein, R. J. (1961). Relative and absolute strength of response as a function of frequency of reinforcement. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 4(3), 267–272.
    👉 Ursprungspublikation zum Matching Law.

  • Herrnstein, R. J. (1970). On the law of effect. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 13(2), 243–266.
    👉 Weiterentwicklung der Theorie, wichtig für das Verständnis von Verstärkung und Wahlverhalten.

  • Davison, M., & McCarthy, D. (1988). The Matching Law: A Research Review. Hillsdale, NJ: Lawrence Erlbaum Associates.
    👉 Klassiker: systematische Übersicht über Forschung und Anwendungen.


Neuere Perspektiven & Pädagogik

  • Pierce, W. D., & Cheney, C. D. (2017). Behavior Analysis and Learning (6th ed.). New York: Routledge.
    👉 Lehrbuch, das Matching Law in einem breiteren Lern- und Trainingskontext erklärt.

  • Critchfield, T. S., & Kollins, S. H. (2001). Temporal discounting: basic research and the analysis of socially important behavior. Journal of Applied Behavior Analysis, 34(1), 101–122.
    👉 Verdeutlicht, wie Matching Law und Wahlverhalten auf soziale Kontexte übertragbar sind (z. B. Bildung, Therapie).


Bezug zu TGI, Tiertraining & Neurodivergenz

  • McGreevy, P., & Boakes, R. A. (2011). Carrots and Sticks: Principles of Animal Training. Cambridge: Cambridge University Press.
    👉 Bringt behavioristische Grundlagen wie Matching Law in den Tiertrainingskontext.

  • Granger, B. P., & Kogan, L. R. (2006). Animal-assisted interventions in mental health: Definitions and theoretical foundations. In A. Fine (Ed.), Handbook on Animal-Assisted Therapy (pp. 199–216). San Diego: Academic Press.
    👉 Theoriegrundlagen, in die das Matching Law gut eingebettet werden kann.

  • Attwood, T., & Garnett, M. S. (2022). Exploring Neurodiversity Through the Lenses of Strength, Interest and Regulation. Brisbane: Minds & Hearts.
    👉 Neuroaffirmative Perspektive, die gut mit Matching Law verbunden werden kann (Verhalten als sinnvolle Wahl zur Regulation).